Bill Kaulitz Career Suicide - Meine ersten dreißig Jahre

 

  • Biographie/Autobiographie
  • Ullstein Hardcover
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 384 Seiten
  • ISBN: 9783550201394

 

Als Biografie-Fan habe ich mich auf die Autobio von Bill Kaulitz, mit Vorwort von Benjamin von Stuckrad-Barre, sehr gefreut. Ich mag den charismatischen Bill und höre ihn wahnsinnig gerne reden.       

 

In einem älteren Artikel auf www.gala.de habe ich gelesen, dass Bill und Tom schon im Jahr 2015 an ihrer Autobiografie schreiben wollten. Nun hat Bill das Buch allein bei Ullstein veröffentlicht. Natürlich erzählt Bill auch irgendwo Toms Geschichte, zumindest was ihre Kindheit und die Tokio Hotel Karriere angeht. Ich war sehr gespannt, inwieweit Bill Kaulitz die „Hosen runterlässt“. Biografien, in denen sich Promis selbstbeweihräuchern und ihre Karrieremeilensteine dokumentieren, ohne ans Eingemachte zu gehen, gibt es ja genug. Also, wie tief lässt Bill blicken und befriedigt die Voyeure? Wird er dem Rest der interessierten Welt die Frage „Bi, hetero oder homo“ beantworten? Für mich war das eigentlich nie eine Frage und es ist fast schon ein bisschen lächerlich, dass nach so vielen Jahren immer noch seine Sexualität von den Medien als großes Mysterium thematisiert wird. 

 

Tom und Bill wuchsen in sehr einfachen Verhältnissen auf, die Mutter war bei Geburt der Jungs gerade einmal einundzwanzig Jahre jung. Sie ließ Tom und Bill viele Freiheiten, wovon gerade Bill profitierte. Bereits als Kind grenzte er sich mit seinem Auftreten, seiner Vorliebe für Mode und seiner femininen Art vom Zwillingsbruder ab. Während Bruder Tom lieber den furchtlosen Ritter gab, verwandelte sich Bill in eine Prinzessin oder Pippi Langstrumpf und spielte mit seiner Baby Born Puppe. Musik und der Wunsch erwachsen und berühmt zu werden, um den Mief des ostdeutschen Kleinstadtkaffs abzustreifen, spielte schon früh eine Rolle in Bills Leben.

 

Als es dann tatsächlich geschah, und Bills Auftritt bei Star Search ihm und seiner Band den Weg in die Musikszene ebnete, besiegelte das gleichzeitig das Ende seiner Kindheit und Jugend. Den Jungs erging es wie vielen anderen (erwachsenen) Künstlern: Dankbar, demütig, euphorisch und schlecht beraten, unterschrieben sie Knebel-Verträge und wurden im Laufe ihrer (jungen) Jahre von der Musikindustrie und den Fans regelrecht verheizt. Ein normales Leben war schlagartig unmöglich und sie mussten lernen mit all der Aufmerksamkeit, dem Ruhm, dem Hass und auch der Einsamkeit klarzukommen, denn sie polarisierten extrem. Man liebt oder hasst sie leidenschaftlich

 

Zitat: ...„Zu den Zwillingen gab es immer eine Meinung; Man liebt oder man hasst uns“ S. 117

 

Bill erzählt von den Touren, den Musikpreisen und dem Leben auf der Überholspur mit Tokio Hotel. Ein Alltag, der Bill und Tom irgendwann die Luft zum Atmen nahm. Die Belagerung durch die Fans. Das Leben in geschlossenen Räumen. Die Fremdbestimmung. Erst der Umzug bzw. die Flucht nach L.A. ermöglicht ihnen so etwas wie ein normales Privatleben. 

 

Reflektiert zurückzublicken hat immer etwas Therapeutisches und Befreiendes. Im Epilog erklärt Bill, dass seine Ullstein-Lektorin ihn nach der ersten Leseprobe fragte, ob er wüsste, wie arrogant und unsympathisch er an manchen Stellen wirken würde. Ich habe Bill Kaulitz in Talkshows oder Interviews immer als sehr höflichen, authentischen und nie ausfallend oder abfällig sprechenden Menschen wahrgenommen. Im Buch bricht er ein bisschen mit dem Image des extravaganten, aber dennoch sehr bodenständigen, nice Guy. Nein, mein Weltbild und meine Sympathie wurden dadurch nicht erschüttert. Auch wenn nach meinem Geschmack, seine Erzählung mit weniger vulgär-abfälligen Vergleichen und Bezeichnungen ausgekommen wäre (ich kann mir z.B. auch ohne detailverliebte Genitalvergleiche vorstellen, wie entzündete Stimmbänder aussehen). Aber vielleicht wollte Bill einfach einmal eine andere Seite von sich, ganz ungefiltert, preisgeben. Er sagt, dass er schon beim Betreten eines Raumes merkt, was man von ihm erwartet und wie er rüberzukommen habe. Ganz Profi, eben. Sollte das also wirklich sein normaler O-Ton sein (und keine Wortspielereien eines Ghostwriters/Beraters, der Sex, Drugs & Rock´n Roll mit Bad Boy Sprüchen hervorheben wollte), dann geht das für mich klar. Er sollte sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und sich nicht verstellen. Sicher existieren ganz viele kleine Narben auf seiner Seele,  die von Verletzungen aus seiner Kindheit und den vielen Jahren im Rampenlicht stammen und die er schon früh mit seinem charmanten Lächeln überspielen musste. Während des Lesens habe ich mir immer mal wieder ein paar Videos angeschaut, z.B. Bills Auftritt bei Star Search oder den Auftritt bei den MTV Europe Music Awards, bei dem Tokio Hotel erst ausgebuht und nach ihrem Auftritt im Regen gefeiert wurden. 

 

Kurz und gut, ich habe das Buch in zwei Tagen geext und Bills Geschichte sehr, sehr gerne gelesen. Flüssig, strukturiert und anschaulich erzählt.  Ich wünsche Bill(y), dass er findet, was er sucht und er in dreißig Jahren zufrieden auf sein nächstes Lebensdrittel zurückschauen kann.  Zitat: ...„Man sagt, man versteht das Leben nur rückwärts…“ S. 336