Mein Leben mit Katzen - Auf Wiedersehen Felix

Ich habe fast mein ganzes Leben mit einer Katze verbracht. Mit elf Jahren bekam ich eine schwarze Katze, die wir auf den einfallsreichen Namen "Mimi" tauften. Ich habe mit einer Geschichte über sie mein erstes Autorengehalt in Höhe von 25 DM verdient.

 Als ich von Zuhause auszog, konnte man das mittlerweile alte Tier nicht mehr verpflanzen und ich war erstmal katzenlos. Sie wurde mit achtzehn Jahren eingeschläfert, als sie schon blind und taub war.

Nach ein paar Jahren habe ich mir einen kleinen Perserkater (Jeremy) zugelegt und ein Jahr später fand ich, dass er einen Freund gebrauchen könnte: Felix, ein grauer, sehr menschenbezogener Kater mit langen, schlanken Beinen. Felix zeigte sofort, wer ab nun der Boss im Hause war. Er war sehr dominant und forderte seine Streicheleinheiten konsequent ein. Jerry hatte Respekt vor ihm, dennoch lagen die beiden meist eng aneinander gekuschelt beisammen.

Während meiner Singlezeit habe ich einige Männer mit Katzenallergien kennengelernt. Leider ein No-Go ;-) Kinder würde man wegen einem Mann ja auch nicht einfach abgeben! Umso glücklicher war ich, dass mein jetziger Mann Katzen mochte.

Er hatte ebenfalls viele Jahre mit zwei Katzen gelebt, aber nach der Trennung blieben sie bei seiner Besitzerin, seiner Ex-Freundin. Er verliebte sich sofort in meine Katzen und sie sich in ihn. Ich fand das damals schon ein wahnsinnig gutes Omen für unsere Beziehung!

Ein Mann, der so liebevoll mit meinen Pelztieren umgeht, der kann nur ein guter Vater werden!

Dann kamen Umzüge, Heirat, Kind, Umzug und mittendrin immer unsere Katzen Felix und Jerry. Felix, unser extrem sensibler und anhänglicher Kater, kam mit der Geburt der Kinder nicht klar. Er pinkelte im ersten halben Jahr in ihre Maxi-Cosis oder ins Kinderzimmer.

Einmal hat er sogar ganz dreist in das Babybettchen meiner Tochter gepinkelt, als sie schlief. Es war nicht einfach, manchmal war ich mit den Nerven am Ende, habe den Kater verflucht und über seinen vorübergehenden Auszug nachgedacht.

Der Perserkater litt, wenn überhaupt, still und unauffällig, ganz seinem Naturell entsprechend. Sobald die Kinder krabbeln konnten, war der Spuk dann zum Glück vorbei und das neue Familienmitglied wurde akzeptiert.

Die Kinder sind mit den Katzen aufgewachsen. Für sie waren Felix und Jerry Familienmitglieder und selbstverständlich. Gerade Felix war in vielen Situationen bester Freund und Tröster. Ein Tier fühlt instinktiv, wenn es gebraucht wird, quatscht nicht blöd rum, sondern ist einfach nur da.

Und Felix war überall, wo wir auch waren: Beim Fernsehschauen auf dem Sofa, beim Lesen im Bett, während des Essens auf seinem Hocker am Tisch, er lag gerne als Nackenrolle auf meiner Schulter und postierte sich wie eine Statue neben meinen PC.

Er litt, wenn wir in den Urlaub fuhren, spürte instinktiv, dass etwas los war und pflegte dann zu markieren. Koffer wurden bei uns nur heimlich und hinter verschlossenen Türen gepackt. Dennoch schaffte er es immer seinem Argwohn Ausdruck zu verleihen und noch schnell z.B. gegen unsere Verpflegungstasche zu markieren.

Ich habe während unseres Urlaubs in Italien den Comer See als dreckigen und stinkenden Tümpel bezeichnet, weil mir am Strand ständig ein fieser Geruch um die Nase wehte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass dieser Geruch eine Hinterlassenschaft von Felix auf unserer Kühltasche war und die Italiener ihr Abwasser nicht heimlich in den Comer See leiten.

Ich habe es bei Mimi schon als Jugendliche gehasst, dass sie mir als Willkommensgeschenk nach jedem Urlaub eine tote Maus vor mein Bett legte und ich sie dafür auch noch loben musste. Auch unser Felix war auch ein sehr guter Jäger.

Im Sommer mochte ich manchmal die Jalousien der Terrasse gar nicht erst hochziehen, weil er uns ständig zerfetzte Vögel oder durchgekaute Mäuse zum Frühstück brachte. Einmal bin ich mit nackten Füssen, Wäschekorb in der Hand, auf etwas getreten und habe erst zu spät gemerkt, dass es sich nicht um eine Socke, sondern um ein totes Mäuschen handelte. 

Mit 14 Jahren mussten wir Jerry einschläfern lassen. Da es für uns aus heiterem Himmel kam, war es ein Schock. Ich hatte meine Große dabei und hätte sie eigentlich in dieser Situation trösten müssen.

Ich war die Erwachsene, die hätte erwachsen und gefasst reagieren müssen. Aber es war umgekehrt. Ich war untröstlich und bin so in Tränen und Schluchzern ausgebrochen, dass meine damals achtjährige Tochter die Gefasstere von uns war.

Jerry war mein Herzenskater, scheu und auf mich fixiert. Er kam meist erst abends, wenn die Kinder im Bett waren, zu mir, ließ sich auf den Rücken fallen und den Bauch kraulen. Felix hat anscheinend schon vor dem Tierarztbesuch gemerkt, dass es mit seinem Freund zu Ende geht.

Denn als der rote Perserkater jammernd vor dem Fressnapf stand, nicht fressen konnte und wir den Katzentransporter holten, um ihn zum Tierarzt zu bringen, hat Felix ihm intensiv das Fell geleckt. Im Nachhinein schien es, als habe er sich von seinem Freund dort bereits verabschiedet. 

Felix hat noch viele weitere schöne Jahre verlebt. Irgendwann hat er das Jagen eingestellt. Er bekam Tabletten für sein schwächer werdendes Herz und gegen seine Schilddrüsenüberfunktion. Er wurde immer dünner, aber er war immer noch um uns herum und fühlte sich wohl, aalte sich in der Sonne und ging seine Runden im Garten spazieren.

Bis zum März letzten Jahres.

Wir merkten, dass er nicht mehr rauswollte und immer unsauberer wurde. Als er sich zurückzog um alleine zu leiden, haben wir ihn erlöst. Obwohl wir bei ihm vorbereiteter waren, fiel der Abschied unglaublich schwer. Vor allem für die Kinder war es ein schwerer Gang. Sie wollten unbedingt dabei sein und ihn auf seinem Gang zur Regenbogenbrücke begleiten. Danach haben wir, wie schon bei Jerry, eine kleine Zeremonie vor seinem Grab abgehalten.

Wir haben uns immer damit getröstet, dass beide Katzen ein langes und schönes Leben hatten und ihnen nie etwas passiert ist. Felix ist nur einmal in seinem Leben verletzt nach Hause gekommen. Ich hatte ihn damals abends gesucht, laut nach ihm gerufen.

Es war ungewöhnlich, dass er so lange weg war und ich machte mir Sorgen. Irgendwann hörte ich von Weitem sein leises und immer näherkommendes Jammern, dass dann ganz verstummte. Wir haben den Garten mit Taschenlampen abgesucht und ihn schließlich erschöpft und verletzt aufgefunden. Mit letzter Kraft hatte er sich nach Hause geschleppt.

Sein Vorderbein war taub und steif. Zum Glück wuchsen die Nerven nach und er wurde schnell wieder der aktive Kater, den wir kannten. Ich bin dankbar, dass unsere Freigänger-Katzen immer den Weg nach Hause gefunden haben und nie unters Auto o.ä. kamen. 

Da ich in den letzten Jahren eine Katzenallergie entwickelt habe und auch meine Jüngste u.a. stark allergisch auf Katzen reagiert, haben wir schon vor Felix Tod entschieden, dass bei uns kein neues Tier mehr einziehen wird. Ein neues Tier hätte meine Katzen auch erstmal nicht ersetzen können. Dennoch empfinde es es als  großes Opfer dauerhaft ohne Katzen zu leben. Auch wenn vieles einfacher geworden ist, zum Beispiel verreisen.   

Ein klitzekleines bisschen besänftigt mich, dass unsere Nachbarn von gegenüber zwei junge Katzen besitzen, die sich sehr wohl in unserem Garten zu fühlen scheinen und uns fast täglich besuchen kommen. Und als wir letzte Woche aus dem Urlaub kamen, lag ein Willkommensgeschenk vor unserer Haustür: Eine kleine weiße, tote Maus.

 

Dieser Beitrag ist auf Huffington Post erschienen