Ich bin dann mal weg mit David Striesow

Ich kann kein Essen mehr sehen. Und keinen Rotwein. Die ganze Familie, die aus Kind Eins, Kind Zwei und Ehemann besteht, hat frei. Ich habe Lagerkollar. Die letzten Tage bestanden aus Essen, Ausschlafen, wieder Essen und Fackeln im Sturm auf ZDF Neo schauen. Wie gut, dass ich mit meinem Mann zur Abwechslung ohne Kinder ins Kino gehe, um einen Film anzuschauen, der nicht jedes Jahr in der Wiederholung im Fernsehen läuft.

 

„Ich bin dann mal weg", zumindest für ein paar Stunden. Obwohl wir Dienstag haben, ist das Kino rappelvoll. "Star Wars 7" und der zweite Teil der "Tribute von Panem" läuft. Aber ich will die Bestseller-Verfilmung von Hape Kerkeling sehen. 

 

Zwischen den vielen jüngeren Leuten laufen einige ältere Semester rum, die, genau wie wir, in die oberste Etage fahren. Seit Hape sein Buch geschrieben hat, meint jeder, er müsse einmal in seinem Leben den Camino entlang pilgern. Ich nicht! Ich gehe in diesen Film, um auf Hape zu treffen, nicht auf Gott, die Erleuchtung oder die spanische Landschaft. Und das, obwohl Hape doch nicht mal mitspielt.

Es gibt niemanden, der so sehr meinen Humor trifft, wie er. Ich kann „Café Korten" sechsmal hintereinander hören, ohne dass es mir langweilig wird.

 

Mein Lieblingsspruch ist:

 

„Was ist das denn da für ein Backwerk? Ja, das neben dem vertrockneten Plunderteilchen".

 

Ich mag die Figur der Evje van Dampen:

 

„Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit",

 

„Es heißt ja auch GESCHLECHT und zusammen geht es uns noch viel schlechter".

 

Und spätestens, wenn Hape Gente di Mare oder den Grandprix zum Besten gibt, merkt auch der Letzte, was für ein wahninniges Talent in diesem Mann steckt.

 

Als wir den letzten Sommerurlaub in Österreich verbracht haben, fand mein Mann, die richtige Untermalung für die lange Autofahrt wäre „Winterszeit in Wien". Die Kinder waren anfänglich etwas irritiert, aber nach der zehnten Wiederholung, wurde dieses Lied zu unserer „Österreich-National-Hymne". Seitdem kennen auch meine Töchter Hape Kerkeling in- und auswendig.

 

Hans-Peter Kerkeling ist Königsklasse. Warum? Weil man immer das Gefühl hat, er ist so wie er ist, auch ohne Programm, ohne vorgefertigte Sätze. Ich sehe ihn besonders gern, wenn er einfach spontan los redet, moderiert oder als Gast eingeladen ist, nicht zwangsläufig als Horst Schlämmer oder Gisela. Diese Personen mag ich auch. Aber an erster Stelle steht für mich Hape Kerkeling ohne Maske und jenseits des Klamauks, zumindest das, was man von ihm kennenlernen darf.

 

Natürlich habe ich „Ich bin dann mal weg", als es damals vor fast zehn Jahren rauskam, als Hörbuch gekauft und auf einer langen Urlaubsfahrt im Auto mit meinem Mann gehört. Hörbücher gehen bei mir nur, wenn sie wirklich gut eingesprochen sind.

 

Ich habe schon Bestseller ärgerlich aus dem CD-Player gerupft, weil ich den Erzähler unpassend fand. Da lese ich dann doch lieber das Buch und lasse im Kopf meine eigene Erzählstimme und Fantasie laufen.

 

Bei Hapes Büchern würde ich mich jedoch immer für das Hörbuch entscheiden. Ich höre diesem Mann so unglaublich gerne zu! „Der Junge muss an die frische Luft" hat mich dann sehr berührt und ich habe die ein oder andere Träne während des Hörens vergossen.

 

Logisch, dass ich die Verfilmung von „Ich bin dann mal weg" sehen muss, auch wenn ich das Vorurteil habe, dass der Film dem Buch niemals gerecht werden kann. Zu dominant ist Hapes Präsenz in dieser Geschichte.

 

Aber natürlich kann man sehr gut verstehen, dass Hape sich nicht selbst spielen wollte. Auch wenn er dem Hauptdarsteller damit eine große Bürde aufgetragen hat. Es ist ja nicht irgendeine Person die David Striesow darstellen soll, sondern eine Person, dessen Stimme und Mimik jedem Deutschen bekannt ist. Nicht einfach für einen Schauspieler dem direkten Vergleich standzuhalten!

 

Worum geht es? Hape erleidet einen Zusammenbruch und wird vom Arzt verdonnert, beruflich einmal „nichts" zu tun. Couch-Potato und Genießer Hape beschließt, eine große Herausforderung anzunehmen: Er möchte den Jacobsweg gehen, alleine, ganze 800 Kilometer. Er will sich der Frage stellen, ob Gott existiert und ob man ihm begegnen kann.

 

Aber dann trifft Hape Tag für Tag auf jemanden, den er gar nicht so auf dem Schirm hatte: Auf sich selbst. Die Einsamkeit und die Anstrengungen machen ihm zu schaffen, er zweifelt nicht nur einmal an seinem Vorhaben, will zwischendurch ernsthaft aufgeben, reißt sich jedoch wieder zusammen. Er trifft auf Weggefährten, die ihm schnell sehr wichtig werden und erreicht schließlich sein Ziel Santiago de Compostela.

 

Jeden Abend schreibt er Tagebuch und lässt den Tag mit einer „Erkenntnis des Tages" Revue passieren. Was mit diesem Tagebuch geschieht, wissen wir inzwischen alle: Dieser Bestseller hat wahrscheinlich dafür gesorgt, dass der Camino inzwischen fest in deutscher Hand ist. Man pilgert nun auf Hapes Spuren nicht mehr nur auf denen des heiligen Jacobus.

 

Ich lasse mich auf David Striesow und die abgewandelten Figuren in der Filmversion sofort ein. Vielleicht weil meine Erwartungen an den Film nicht so hochgesteckt sind. Striesow trifft Hapes Tonart wirklich toll. Man hat nie das Gefühl, dass er um jeden Preis versucht Hape Kerkeling zu sein. Er interpretiert die Rolle auf seine eigene Art und Weise und das sehr gut!

 

Mir fehlt die schrullige Engländerin Anne als Filmfigur, die ich noch so bildlich aus dem Buch vor Augen habe. Aber die Rollen von Martina Gedecke und Stefanie Schuch sorgen für einen sympathischen Ersatz. Die Rückblenden in Hapes Kindheit mit Katharina Thalbach als seine Omma sind herrlich!

 

Nun habe ich auch einen filmischen Eindruck vom Camino und seinen Tücken und muss da selber nicht unbedingt mehr hin. „Ich war schon da", mit David Striesow und Hape Kerkeling. Mit Letzterem allerdings vor ein paar Jahren im Auto ein klitzekleines bisschen intensiver.

 

Der Film "Ich bin dann mal weg" läuft seit 23.12.2015 im Kino - anschauen, lohnt sich!

 

erschienen auf Huffington Post

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