Honig im Kopf

Nachdem ich so ziemlich jeden guten Film, der im letzten Dreivierteljahr im Kino lief, verpasst habe, ist endlich die Open-Air-Kino-Saison gestartet.

 

Ich habe Karten für „Honig im Kopf". Das Wetter ist perfekt und mein Mann und ich haben beschlossen, die Kinder mitzunehmen. Zwei Stunden vor Filmbeginn ist Einlass. Wir suchen uns schöne Plätze, legen unsere Decken und Kissen ab und gönnen uns in der Sonne noch Würstchen und Getränke.

Mein Mann, der die Handlung von „Honig im Kopf" nicht kennt, schaut sich irritiert um. „Bist du sicher, dass wir im richtigen Film sind?", womit er auf das an diesem Abend zahlreich anwesende Ü60-Publikum anspielt. „Hier sind kaum Kinder oder junge Leute."

 

„Der Film ist ab sechs und wir sparen uns den Babysitter", meine ich. „Und hier sind alle Altersgruppen, wenn du mal richtig hinsiehst."

 

Natürlich ist mir klar, dass meine Siebenjährige nicht ganz der Zielgruppe entspricht. Ich habe meinen Mädels vorher den Trailer gezeigt und erklärt, worum es in den Film im Allgemeinen geht. Meine Elfjährige knurrte daraufhin neidisch, dass Emma Schweiger die Hauptrolle spielt. „Wieso darf die das auch noch, wenn die schon die Conni spielen darf?"

 

Als sie gehört hat, dass ihre Lieblingsbücher verfilmt werden, sah sie sich (wie wahrscheinlich eine Millionen anderer kleiner Conni-Fans) bereits im rot-weiß-geringelten T-Shirt über die Leinwand hüpfen. Dennoch ist sie bereit, „Honig im Kopf" eine Chance zu geben, zu gut haben ihr die Film-Ausschnitte gefallen.

 

Nachdem sie jedoch die zwei Stunden vor Sonnenuntergang wie ein Duracell Hase auf dem Gelände rumrennt, mich unablässig zuquatscht und als Krönung die halbe Popcorntüte im hohen Bogen fallen lässt, bereue ich kurz meinen Entschluss, die Kinder mitgenommen zu haben.

 

Ich habe mich auf diesen Abend und den Film wirklich gefreut! Hoffentlich hält die Kleine wenigstens halbwegs durch und meckert nicht alle fünf Minuten, dass sie es doof findet. Dann geht es endlich los und ich entspanne mich.

 

Ich mag Til Schweiger seit der ersten Lindenstraßen Folge. Er ist einer der wenigen Promis, denen ich auf Facebook folge. Seine Posts sind ehrlich und absolut authentisch. Als vor ein paar Monaten der Grand Prix lief, saß ich als Strohwitwe gelangweilt vor dem Fernseher und spielte an meinem Smartphone.

 

Tils Facebook-Videos (ich wette, er hatte genauso viel Wein intus wie ich an diesem Abend) über die einzelnen Teilnehmer haben mich den Grand Prix überhaupt erst überleben lassen. Ich wäre sonst vor lauter Langweile eingeschlafen.

 

Und auch bei „Honig im Kopf" werde ich nicht müde, trotz Überlänge. Der Film hat den typischen unterhaltsamen Witz aller Schweiger-Filme. Dieter Hallervorden ist einfach großartig als Amandus! Und auch Emma Schweiger, wie selbst meine Große neidvoll zugibt, macht ihre Sache einfach toll.

 

Meine Töchter gackern bei einigen Szenen laut los. Überraschenderweise lacht meine Siebenjährige am lautesten und nörgelt die gesamten 139 Filmminuten nicht ein einziges Mal! Im Gegenteil! Nach dem Film quasselt sie auf dem Weg zum Auto ununterbrochen, wie lustig sie es fand, dass der Opa seine Bücher im Kühlschrank aufbewahrt, weil „in der Geschirrspülmaschine kein Platz mehr war". Obwohl es ja eigentlich nicht lustig wäre, denn das würde die Krankheit ja mit ihm machen. Diese Alzheimer! Die Message ist bei ihr angekommen.

 

Natürlich ist „Honig im Kopf" manchmal klebrig süß und mag von dem ein oder anderen stellenweise als kitschig empfunden werden. Auch die Handlungsorte sind ordentlich was fürs Auge und wie aus dem Bilderbuch: Das gemütliche Landhaus, die Musterküche, die beeindruckende Südtiroler Landschaft, das romantische Venedig.

 

Aber das macht den Film aus. Wer würde sich schon eine traurige, graue, humorlose Dokumentation aus dem Pflegeheim im Kino anschauen wollen?

 

Und obwohl „Honig im Kopf" wahnsinnig unterhaltsam ist, geht es um ein ernstes Thema. Ich bin mit Demenz bisher noch nicht näher in Berührung gekommen, dennoch hat mich der Film sehr berührt. Es ist definitiv ein Film, der alle Generationen anspricht und das können nur sehr wenige Filme von sich behaupten!

 

Auch meine Töchter haben verstanden, dass es sich bei dem lustigen Opa, der Witze macht, in den Kühlschrank pinkelt und so viele Sachen vergisst, nach wie vor um einen wertvollen Menschen handelt, den man spüren lassen muss, dass er noch etwas wert ist und dass er nach wie vor geliebt wird.


Als Erstbeitrag auf Huffington Post erschienen.

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