Meine Töchter wurden zu früh eingeschult

Als ich 1978 eingeschult wurde, habe ich auf die Schule förmlich gebrannt. Als Novemberkind ödete mich der Kindergarten so an, dass ich das letzte halbe Jahr zuhause blieb. Nach Hause kommen, schnell Hausaufgaben machen, fertig. Die Grundschule läuft doch noch problemlos! Das dachte ich zumindest vor ein paar Jahren noch, bis meine älteste Tochter, ein Märzkind, zum Vorschulkind wurde.  

 

Ich bemerkte sehr schnell, dass sie mit der Schule noch nicht viel zu tun haben wollte. LÜK-Kasten und Vorschulheftchen verstaubten im Schrank. Vor den Vorschulwochen im Kindergarten heulte sie, wollte auf ihr freies Spiel nicht verzichten. Zudem besaß sie einen übermäßigen Bewegungsdrang, war unkoordiniert. Wir gingen auf Anraten des Kindergartens mit ihr zur Ergotherapie.

 

Die Einschulungsuntersuchung war ein einziges Desaster. Ich wartete draußen, während die Tests mit der Schulamt-Ärztin liefen. Als ich anschließend hereingebeten wurde, sagte die Ärztin zur Begrüßung, mein Kind müsse weniger vor den Computer und vor den Fernseher und solle lieber mehr malen. Ich war schockiert, sprachlos und dann äußerst sauer. Wie konnte uns diese Ärztin, die mich und mein Kind nicht einmal kannte, innerhalb einer Viertelstunde in diese Schublade stecken? Überfordert mit der ganzen Situation kasperte meine Tochter völlig überdreht herum, war total von der Rolle. Als wir nach Hause gingen, hätte ich heulen können.

 

Heute ärgere ich mich immer noch maßlos über diese, für mich absolut sinnfreie, Untersuchung.

 

Meinem Mann und mir war klar, es würde nicht einfach für meine Tochter werden. Das erste Schuljahr lief noch einigermaßen. Im zweiten Schuljahr häuften sich die Probleme vorwiegend in Mathe. Ihre Konzentration ließ teilweise zu wünschen übrig. Ich saß fast täglich in den späten Nachmittag mit ihr bei den Hausaufgaben. Ich versuchte, die Defizite durch zusätzliches Üben zu kompensieren, besorgte Lernmaterialien. Der psychologische Dienst diagnostizierte nach einem Test eine Rechenschwäche. Meine Tochter fing an, sich selbst fertigzumachen, beschimpfte sich selber mit „dumm“ und „wollte nicht mehr auf der Welt sein“.

 

Ein größerer Infekt führte dazu, dass sie fast fünf Wochen nicht zur Schule ging. Zweimal schickten wir sie wieder in die Schule, weil sie scheinbar genesen schien. Zweimal kam sie mit hohem Fieber und Bauchschmerzen wieder nach Hause. Sie nahm fast fünf Kilo ab. Es war offensichtlich, sie litt seelisch. Es ist bestürzend zu sehen, wie sehr schon Kinder mit Selbstzweifeln kämpfen und innerhalb kürzester Zeit ihr Selbstbewusstsein verlieren können.

 

Inzwischen gab ich ihr fast täglich Privatunterricht. Dazu war ich auf Dauer nicht bereit. Ich fand es unnatürlich, dass ein Kind in der zweiten Klasse schon so viel Unterstützung benötigte. Wir stellten einen Antrag auf freiwillige Wiederholung der Klasse. Die Klassenlehrerin riet erst ab, aber wir blieben dabei. Nach den Sommerferien wechselte meine Tochter die Klasse.

 

Meine zweite Tochter, die Ende September und somit vor dem Stichtag ihren sechsten Geburtstag feierte, wurde als jüngstes Kind der Klasse eingeschult. Die Ärztin im Schulamt kreuzte bei der Einschulungsuntersuchung „nicht schulfähig“ auf dem Anmeldeschein für die Schule an und meinte, sie wäre ja auch noch so klein.

 

Leider ließ sich mit dem Kreuzchen, an der eigentlich richtigen Stelle, kein Blumentopf gewinnen. Ich kannte die gesetzlichen Bestimmungen und wusste, dass es keine Möglichkeit gab, meine Tochter zurückstellen zu lassen. Ich sprach mit der Schulrektorin, die dies bestätigte. Ohne wirklich gravierenden Grund bekäme man eine Rückstellung auf gar keinen Fall durch. Und wieder fragte ich mich, welchen Sinn diese Einschulungsuntersuchung wohl gehabt haben mochte. 

 

Beim ersten Elterngespräch empfahl die Klassenlehrerin Logopädie und Ergotherapie, was ich ablehnte. Meiner Meinung nach, war die Motorik wie auch das Sprachvermögen meiner Tochter absolut altersentsprechend.

 

Auch Therapien können aus einer Fünfjährigen keine Sechsjährige machen!

 

Schon meine Große hatte oft das Gefühl, mit ihr wäre etwas „nicht in Ordnung“, weil sie zur Therapie musste und fühlte sich ihrer Freizeit beraubt. Astrid Lindgren hat einmal gesagt:

 

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen“

 

Was für ein kluger Satz einer großartigen Frau, der so ungemein gut in unsere Zeit passt!

 

Meine Jüngste verlor innerhalb kürzester Zeit den Anschluss in Mathe und hatte Schwierigkeiten Arbeitsanweisungen auszuführen. Den ersten Test, den sie in ihrer Schullaufbahn absolvierte, angelte sie freudestrahlend aus ihrem Tornister:

 

„Schau mal Mami, was für einen schönen glitzernden Hefter ich geschenkt bekommen habe.“

 

In dem schönen glitzernden Hefter steckte der Mathe-Test, in dem sie nahezu jede Aufgabe falsch gerechnet hatte. Sie verstand nicht einmal, was das Ganze zu bedeuten hatte.

 

Wir griffen deutlich früher ein und ließen sie ebenfalls zurücksetzen. Meine Tochter schluckte die Hänseleien der ehemaligen Klassenkameraden tapfer und weinte nur zu Hause. So einfach sich der Satz „Dafür gibt es die Einschulungsphase“ oder „Sie kann ja immer noch eine Klasse wiederholen“ doch klingt, so schwer ist er für das Kind, das sich ständig fragt, ob es dümmer ist als die anderen. 

 

Meine Tochter war als Septemberkind die Jüngste der Klasse. Einige Klassenkameraden waren ganze zehn oder elf Monate älter als sie. Natürlich haben ältere Kinder einen Vorteil gegenüber den jüngeren! Man würde wohl nie von einem vier Monate alten Säugling erwarten, er solle genauso laufen wie ein Einjähriger. Wie kann man also von einem fünfjährigen Kind erwarten, dass es schon genauso so still am Tisch sitzen bleibt und Zahlenzusammenhänge versteht, wie ein Kind das deutlich älter ist? Warum muss das jüngere Kind innerhalb der ersten Jahre „aufholen“, wie man es so schön sagt, während die älteren Kinder sich in aller Ruhe und ihrem Alter entsprechend entwickeln dürfen?

 

Sicher gibt es auch Kinder, bei denen es angebracht ist, sie früher einzuschulen. Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich schnell. Aber sollte man das nicht individuell entscheiden? Wie gerne hätte ich beiden Töchtern ein weiteres Jahr im Kindergarten und einen schöneren Start ins Schulleben gegönnt.

 

Ein alter Volksspruch sagt, ein Kind ist schulreif, wenn es den ersten Zahn verliert. Vielleicht ist es Zufall, dass meine Kinder beide noch sehr festsitzende Milchzähne hatten, als sie eingeschult wurden. Vielleicht ist es auch genetisch bedingt. Das liegt nah, denn der Vater meiner Töchter ist in den 70ern auch ein Jahr zurückgestellt worden, weil er „noch zu verspielt“ war, wie man es früher betitelte.

 

Rechnet man mal hoch, dass ein Kind, das mit fünf oder knapp sechs Jahren eingeschult wird, einen Durchmarsch mit anschließendem G8-Gymnasium macht, ist es bei seinem Abitur gerade einmal siebzehn Jahre alt. Früher hieß „Abitur“ auch „Reifeprüfung“. Ist man mit siebzehn wirklich schon reif? Wie soll ein Minderjähriger studieren, wenn er doch für alles und jedes noch die Unterschrift der Eltern braucht?

 

Wie oft höre ich, dass viele Jugendliche nach dem Abi erst einmal ein Jahr chillen, ins Ausland gehen oder nicht wissen, was sie wirklich wollen. Ist das nicht verständlich mit siebzehn oder achtzehn Jahren?

 

Meine Große geht nun dieses Jahr aufs Gymnasium, Mathe ist nach wie vor nicht ihr Lieblingsfach, aber sie ist ein intelligentes aufgeschlossenes Mädchen, das konzentriert und sorgfältig arbeitet. Beide Kinder haben sich nach der Rückstellung uneingeschränkt positiv entwickelt. Ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen!

 

Inzwischen laufen die Nachmittage so, wie ich es von früher kenne: Nach Hause kommen, Hausaufgaben selbstständig erledigen, fertig.

 

Dieser Beitrag ist auch auf Huffington Post erschienen sowie in einer gekürzten Fassung als Erstbeitrag im Magazin Schule, Ausgabe 02/15

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Sonntag, 17 Mai 2015 21:12)

    Hallo Angelika!
    Uns geht es sehr ähnlich. Unsere Tochter ist gerade sechs geworden und wurde dann eingeschult. Sie hatte anfangs große Probleme Freunde zu finden und war mit allem (neues Gebäude, neue Kinder, jede Menge wechselnder Lehrer) ein wenig überfordert. Uns wurde nun auch Ergotherapie nahegelegt, da es sonst in der 2. Klasse schwer für sie werden würde. Ich kenne nun immer mehr Kinder die von der 2. in die erste Klasse wechseln mussten und kann überhaupt nicht verstehen warum den Kindern dieser Stress angetan wird. Wieso kann den Kindern nicht ein Jahr mehr im gewohnten Kindergarten geschenkt werden? Nein, sie müssen eingeschult werden. Sich behaupten und ihren Platz in der Klasse finden....um dann wieder die Klasse zu wechseln und sich erneut zurechtfinden müssen. Für mich ist das leider völlig unverständlich und leider eine große Belastung für die Kinder, die Ihnen eigentlich erspart werden könnte und müsste!