Meine erste (Lese)brille

Als ich mit etwa vierzehn Jahren meine erste Brille bekommen sollte, war ich entsetzt. Mit sieben oder acht wünscht man sich vielleicht eine Brille oder eine Zahnspange, aber nicht mehr mit vierzehn! Als pubertierendes Mädchen hat man mit allem möglichen zu kämpfen: steht mir Lidschatten, wenn ich ihn zentimeterdick auftrage? Wie läuft man auf Schuhen mit Absätzen ohne zu wackeln? Warum bin ich so dick und meine Mutter so blöd? Da kann man neben Pickeln und Mitessern nicht noch einen Fremdkörper im Gesicht gebrauchen.

 

Doch es fiel zu sehr auf, dass ich ständig beim Fernsehgucken die Augen zusammenkniff und in der Schule nichts von der Tafel ablesen konnte. Widerwillig hatte ich mich erst zum Augenarzt und dann zum Optiker schleppen lassen, mir lieblos ein Brillengestell ausgesucht und anschließend so schnell wie möglich wieder den Laden verlassen. Peinlich! Alles peinlich! Getragen habe ich das gute Stück maximal beim Fernsehgucken zuhause und auch nur wenn ich allein und unbeobachtet war. In der Schule verzichtete ich konsequent auf sie und schrieb die Sachen von der Tafel weiterhin von meiner Sitznachbarin ab. Irgendwann war die Brille verschwunden und ich unternahm keinerlei Anstrengungen sie wiederzufinden.

 

So gingen viele brillenlose Jahre ins Land. Wenn man daran gewöhnt ist, dass seine Sichtweite nur ein paar Meter beträgt, lebt man ganz gut damit. Man kennt es ja nicht anders. Nachdem man mir allerdings ein paarmal „bist du so arrogant oder warum hast mich letztens in der Stadt nicht gegrüßt?", an den Kopf geworfen wurde, lächelte ich jedem zu, der mir entgegenkam und von dem ich meinte, er hätte mich angeschaut. „Ich habe dich nicht erkannt", nahm mir in der Regel keiner ab.

Mit Anfang zwanzig dachte ich über Kontaktlinsen nach. Die Dinger waren gar nicht mehr so teuer. Ich ließ es auf einen Versuch ankommen und machte mir einen Termin bei einem Optiker. Er setzte mir weiche Linsen ein und forderte mich auf, eine Stunde in der Stadt damit Probe zu laufen. Ich werde das Gefühl nie vergessen, als ich aus dem Geschäft trat! Die Einkaufsstraße lag gestochen scharf vor mir, meine Sichtweite war gigantisch. Es traf mich ein regelrechter Kulturschock! Ich steuerte die nächste Boutique an und erkannte auf Anhieb, was sich auf den Kleiderständern befand. Ich sah die Gesichter der Leute um mich herum. Ich erkannte, ob sie lachten oder grimmig schauten oder eine Warze im Gesicht hatten. Ab diesem Moment gab es für mich nur noch ein Leben mit Kontaktlinsen.

 

Ich fragte mich, wie ich all die Jahre so stiefmütterlich mit meinem wichtigsten Sinn umgehen konnte. Ich setzte die Linse morgens nach dem Aufstehen ein und zog sie erst aus, wenn ich schlafen ging. Erst viele Jahre später kaufte ich mir zusätzlich eine Brille, die ich abends vor dem Fernseher trug, um die Augen zu entlasten.

 

Aber im Laufe der Zeit wurden meine Augen immer trockener und reagierten bisweilen empfindlich auf die Linsen. Und dann, mit Ende Zwanzig, trug ich Brille sogar in der Öffentlichkeit. Ich wurde regelrecht kontaktlinsenfaul. Zu anstrengend war die Bildschirmarbeit im klimatisierten Büro mit ihnen, zu einfach war es, die Brille morgens einfach auf die Nase zu setzen und abends abzunehmen, ohne in den Augen rumpuhlen zu müssen.

 

Nun bin ich über vierzig und ertappe mich in der letzten Zeit ständig, dass ich beim Lesen unter der Brille hervor lugen muss. Obwohl ich kurzsichtig bin, werde ich merklich weitsichtiger - altersweitsichtig! Ein neuer Meilenstein im Alterungsprozess, der mir nicht wirklich gefällt. Trage ich Kontaktlinsen, kann ich kaum noch vernünftig die Zeitung lesen, geschweige denn auf meinem Smartphone rumspielen, die winzigen Buchstaben verschwimmen vor meiner Nase.

 

Mein Optiker nickte nur zustimmend, wies auf mein Alter hin und kramte ein Prospekt für Gleitsichtgläser heraus. Ich bekam kurzzeitig Schnappatmung angesichts der Preise und entschied mich fürs Erste weiterhin unter der Brille hervor zu linsen, bis es irgendwann nicht mehr geht. Für die Kontaktlinsen wusste mein Optiker eine Übergangslösung: er führte mich zu dem Ständer mit den Lesebrillen. Ich schluckte. Lesebrillen sind etwas für alte Leute, ich bin doch noch jung, oder?!

Widerwillig studierte ich die Modelle, nahm die nächstbeste Brille, die ich einigermaßen hübsch fand, zog sie kurz auf und schnell wieder ab. Okay, genommen, bitte einmal zahlen und schnell raus.

Bisher habe ich die Lesebrille noch nicht einmal aufgesetzt, was auch daran liegt, dass sie merkwürdigerweise spurlos verschwunden ist. Ich habe mir bisher keine Mühe gemacht, nach ihr zu suchen.

 

Natürlich werde ich sie anziehen! Was denken sie denn? Ich bin dreiundvierzig! Wäre doch albern sich ich meinem Alter so kindisch zu benehmen.

 

Und außerdem: ich habe Glück. Immerhin hatte ich dreißig Jahre Zeit mich an ein Leben mit Brille zu gewöhnen. Mein Mann hingegen, der sich spaßeshalber meine neue Lesebrille aufsetzte, stellte entsetzt fest, dass auch er weitsichtig geworden ist. Für ihn wird es in absehbarer Zeit die erste Brille sein. Ich werde ihm gut zureden und sagen, dass es nur darum geht, die zweite Lebenshälfte mit allen Sinnen zu genießen. Da sollte man seinen wichtigsten Sinn doch nicht vernachlässigen!

 

Dieser Blogbeitrag ist ebenfalls auf Huffington Post erschienen

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