Lieber Mr. Grey,

Lieber Mr. Grey,

 

ich finde, Sie sahen heute Abend wirklich umwerfend aus und ich möchte Ana widersprechen. Auf mich wirkten Sie auf keinen Fall einschüchternd oder beängstigend. Es ist doch so, wir Mädchen warten unser ganzes Leben auf den einen dominanten Prinz, der uns zur Prinzessin krönt. Und sie sind so ein Prinz.

 

Ein Prinz kann einen echten Aristrokratentitel tragen, er kann Millionär und Besitzer eine Imperiums sein, ein erfolgreicher Popstar oder ein umwerfend gutaussehender Vampir. Aber er muss auf jeden Fall folgende Eigenschaften mitbringen: steinreich, unfassbar schön, mysteriös, arrogant und ein echtes Arschloch. Denn nur so entlockt er uns tiefe Seufzer und wackelige Knie. Ein Prinz hat keinen Bierbauch, Probleme mit Haarausfall oder der Prostata und er würde sich von uns niemals sagen lassen, dass er den Müll raus bringen soll.

 

Ein Prinz ist jemand, den wir unbedingt wollen, der uns aber nicht will oder zumindest nicht so wie wir normalerweise sind. Wir müssen uns beißen lassen, gute Umgangsformen und das spanische Hofzeremoniell erlernen oder uns den Popo versohlen lassen, damit wir ihn voll und ganz für uns gewinnen können. Ein Prinz gibt die Regeln vor und wir wünschen uns nichts mehr, als zu seinem Spielpüppchen zu werden. Wir möchten, dass er uns einkleidet, teure Autos kauft und uns ermahnt, wenn wir auf der Lippe kauen. Wir wollen, dass der Sex mit ihm anders ist, stärker, berauschender und leidenschaftlicher als mit gewöhnlichen Männern.

Mr. Grey, um auf sie zurückzukommen: Natürlich finden wir einige Ihrer Aussagen lächerlich und urkomisch. Wir lachen über Ihre Arroganz und die Frechheit, die Sie besitzen. In der Realität würden wir uns von einem Mann nie so rum kommandieren lassen. In unseren Träumen aber sehr wohl!

 

Sehen Sie, die Welt hat sich geändert. Wir Frauen sind emanzipiert und lassen uns nichts mehr sagen. Wir sind Bundeskanzlerin und regierende Königin, wir arbeiten in der Chefetage und lassen unsere Ehemänner den Erziehungsurlaub antreten. Wir sind stolz darauf starke Frauen zu sein. Dafür haben viele von uns jahrelang gekämpft. Aber tief in unserem Inneren, warten wir ein ganzes Leben darauf, diesen einen Prinzen zu treffen, in dessen Händen wir zu Wachs zerfließen.

 

Und weil wir das nie zugeben würden, identifizieren wir uns mit der sanftmütigen Sissi. Wir sind Bella und verzerren uns nach Edwards körperlicher Liebe, die nicht erfüllt werden kann, weil wir zu schwach und er zu stark ist. Und wir lassen uns von Ihnen, Mr. Grey, den Hintern versohlen, um anschließend wie ein Kind auf Ihren muskulösen Armen in das warme, weiche Bett getragen zu werden.

 

Bitte nehmen Sie es nicht persönlich, dass heute Abend keine Männer anwesend waren. Sie sind schließlich nur der schlüpfrigen Fantasie einer Frau zu verdanken. Männer werden die Faszination, die solche Geschichten in uns auslösen, nie entschlüsseln können. Danke Mr. Grey, dass Sie mich heute Nacht zugedeckt haben und ich Ihre Prinzessin sein durfte.


Dieser Artikel ist auch auf Huffington Post erschienen

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Kommentare: 1
  • #1

    LiDo (Montag, 02 März 2015 18:11)

    Was ist peinlich, wenn es während einer heißen sexy Liebesnacht passiert? Und was ist NICHT peinlich, wenn es außerhalb dieser Liebesnacht erzählt? Greys Arroganz, seine scheinbar antiquierte Einstellung ist lediglich Teil seiner dominanten Rollenauffassung. Wenn sie gerade nicht "spielen" -- ja, so nennt man das im BDSM --, ist er höflich. Ohne ihre Zustimmung geht das alles nicht. Und Sie würden sich wundern, wie emanzipiert Subbies außerhalb des Machtgefälles sein können. Sehen Sie sich mal in der realen Szene um, und alles, aber auch alles, was in diesem Film passiert, wird eine neue Bewertung erfahren.