Zeus oder Jesus - ist das wirklich wichtig?

Nach den Anschlägen von Kopenhagen und auf Charlie Hebdo ist das Thema Religion mal wieder in aller Munde. Grund für mich, als Mutter über mein eigenes Verhältnis zum Glauben nachzudenken.

„Ich habe dich katholisch erzogen!“, erwidert meine Mutter gerne empört, wenn ich ihr gelegentlich mitteile, dass ich mit der Kirche absolut nichts am Hut habe. Dabei bin ich schon vor über 25 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ja, als Kind habe ich an Gott geglaubt, genauso wie an das Christkind, den Nikolaus, den Weihnachtsmann, den Osterhasen, die Borgmännchen und sogar an Vampire. Ich mochte den Religionsunterricht in der Grundschule sehr. Für mich war das eine Stunde voll toller alter Geschichten und Legenden. Die Kinderbibel las ich so gerne wie ein Märchenbuch. Besonders liebte ich die Geschichten des Alten Testaments.

 

Aber zum Erwachsenwerden gehört nun mal, dass man eine eigene Weltanschauung entwickelt, Dinge hinterfragt und nicht stur an anerzogenen Ritualen kleben bleibt. Je älter ich also wurde, desto mehr stellte ich eine göttliche Existenz in Frage und irgendwann glaubte ich nicht mehr an einen Gott. Auch nicht an ein Himmelreich und ein ewiges Leben; wenn ich tot bin, bin ich einfach weg – Punkt!

 

Und wenn wir schon dabei sind: Die Erde wurde nach meiner Einschätzung kaum in sieben Tagen geschaffen. Leute, die ans Kreuz genagelt verbleichen, können sich schwerlich wieder aufrappeln. Übers Wasser laufende Männer habe ich auch noch nicht gesehen.

 

Für den Fall der Fälle: Sollte es da oben doch jemanden geben, dann wird er mir meinen Irrtum schon verzeihen. Und falls er gar nicht so barmherzig sein sollte, wie man gemeinhin behauptet, muss ich eben nach meinem Ableben den Fahrstuhl in den Keller nehmen…

 

Ja, ich habe kirchlich geheiratet, meinem Mann zuliebe, und die Zeremonie ist ja auch schön und feierlich – wer mag das nicht? Meine erste Tochter wurde sogar katholisch getauft, und zwar wegen Kindergarten und Schule. Man weiß ja nie, wo man das Kind später anmelden will oder muss. Viele Kindergärten sind nun mal kirchlich.

 

Ein fragwürdiger Pragmatismus, das gebe ich zu. Ich konnte meiner Tochter natürlich nie etwas von einem Gott erzählen, an den ich selber nicht glaube. Meine Töchter gehen heute beide nicht zufällig auf städtische Schulen.

 

Die Kommunion haben wir dann schon ausgelassen (und meine zweite Tochter gar nicht erst getauft). Was ist das überhaupt für eine Idee, Mädchen in weiße Brautkleider und Lackschühchen zu stecken? Ein weißes Kleid auf einer Hochzeit ist Glamour; auf einer Kommunion wirkt es wie ein Kostüm. Natürlich finden manche Kinder das Kleid toll, abgesehen davon geht es ihnen sowieso nur um die Geschenke und die Feier. Der Glaube ist ihnen schnurz.

 

Ich weiß das, denn ich habe selber die Kommunion über mich ergehen lassen. Der Kommunionsunterricht war besonders schrecklich; ich habe einzig und allein deswegen durchgehalten, weil ich wusste, dass am Ende dieser piefigen Tortur eine coole Party mit vielen Geschenken winken würde.

 

Wenn ich heute beim Zappen zufällig auf einen dieser komischen Kirchensender gerate, wird es mir ganz anders. Wer nicht damit groß geworden ist, kann sich nur wundern über das, was da stattfindet: Männer in merkwürdigen, pompösen Kleidern und mit farbigen Häubchen auf dem Kopf heben hin und wieder die Hände und eine finster dreinblickende Masse vor ihnen raunt irgendwelche Glaubensbekenntnisse und andere uralte Sprüche. Das klingt wahrhaft gruselig. Dazwischen brüllt die Orgel Lieder, die kein Mensch mitsingen kann und eigentlich auch nicht will. Dass die Kirche eigene Fernsehsender hat, scheint in solchen Momenten das einzig Moderne an ihr zu sein, neben den LED-Kerzen auf den Altären. Ansonsten scheint sie mit ihren Ansichten irgendwann um 500 nach Christi stehengeblieben zu sein. Wie manch andere Religion auch.

 

Meine jüngste Tochter – die ungetaufte – fragte mich mit vier Jahren zur Weihnachtszeit einmal: „Mama, wie heißt die Frau mit dem Kind?“ Sie meinte Maria und Jesus. Da fand ich, es könne ihr nicht schaden, wenn sie zumindest in der Grundschule am Religionsunterricht teilnehmen würde. Denn egal ob ich es mag oder nicht, der christliche Glaube gehört nun mal zu unserer Kultur und in Deutschland zur Allgemeinbildung, schon allein, weil unser Kalender sich ständig um christliche Feste dreht. Das ist aber fast der einzige Grund für mich, sich damit zu beschäftigen.

 

Manchmal kommt man nicht drum herum, sich in Sachen Glauben zu erklären. „Mama, glaubst du eigentlich an Gott?“, fragte mich meine große Tochter einmal.

 

„Nein, tu ich nicht. Aber wenn du meinst, es gibt ihn, dann glaub an ihn. Vielleicht hab ich ja unrecht“, gab ich ihr zur Antwort.

 

„Ich glaube an Feen und an den Meeresgott Zeus“, sagte sie dann.

 

Dass Zeus ein Meeresgott gewesen sein soll, war mir zwar neu, aber das spielte keine Rolle. „Auch gut, vielleicht gibt es die ja“, sagte ich.

 

Meine Tochter hat also offenbar mit der christlichen Religion so wenig am Hut wie ich. Nach einem Klassenwechsel fragte die neue Klassenlehrerin sie, welcher Religion sie angehöre. Meine Tochter verwechselte katholisch mit evangelisch und wurde in den evangelischen statt in den katholischen Unterricht gesteckt. Sie wunderte sich, dass die Messen plötzlich in einer anderen Kirche stattfanden, was ich darauf schob, dass der katholische Pfarrer wohl in eine andere Gemeinde gewechselt hatte.

 

„Der andere Pfarrer ist eben eingesprungen“, meinte ich.

 

„Aber die anderen gehen immer noch in die Kirche, in die ich früher auch gegangen bin“, entgegnete sie noch, aber ich störte mich nicht dran.

 

Eines Tages kam sie mit einem Schreiben von der Schule nach Hause, in dem stand, der evangelische Unterricht falle am nächsten Tag aus. „Super, dann kann ich eine Stunde länger schlafen“, jubelte sie, und bei mir fiel endlich der Groschen…

 

Meine Tochter hat sich ziemlich geschämt, als sie ein halbes Jahr später wieder in ihrer katholischen Religionsgruppe auftauchte und sich dumme Fragen der anderen anhören musste. Ich hingegen fand das Ganze lustig. „Evangelisch oder katholisch, ist doch egal. Die beten alle zum gleichen Gott“, erklärte ich ihr mehr als einmal.

 

Ich kann diese ganzen Glaubensfeinheiten sowieso nicht nachvollziehen. Und schon gar nicht, dass diese Zweiteilung des Christentums sich sogar in Schulen und Kindergärten bemerkbar macht. Meldet man sich als Evangelischer an einer katholischen Schule an, hat man denkbar schlechte Karten; ohne Taufschein wird man schon gar nicht angenommen. Als wären das nicht Luxusprobleme genug, muss man sich weltweit auch noch mit weiteren religiösen Sonderwünschen rumschlagen: muslimisch, buddhistisch, jüdisch, hinduistisch, samt all ihren Untergruppierungen, nicht zu vergessen die ganzen Glaubensgemeinschaften und Sekten, die bei den amerikanischen Promis so hip sind: Scientology, Kabbala… Muss man da durchblicken? Warum?

 

Klar: Manchmal fände ich es sogar leichter, meinen Töchtern etwas von einem Himmel zu erzählen, wenn sie mich nach dem Tod fragen und dem, was danach kommt. Aber diese einfache und beruhigende Antwort kann ich ihnen schlichtweg nicht auftischen.

 

Ich mag es auch nicht, wenn man den Begriff „christlich“ mit „sozial“ verwechselt. Leute, die sich engagieren, gibt es zur Genüge auch außerhalb christlicher Gemeinden. „Die Kirche tut viel Gutes“ oder „Ich verhalte mich christlich“ sind Sprüche, die ich nicht leiden kann, denn damit wird das Attribut „christlich“ falsch besetzt. Sich für Bedürftige einsetzen oder etwas für die Gemeinschaft zu tun, hat nichts mit Religiosität zu tun, sondern mit einer Grundeinstellung und sollte in allen Gesellschaften selbstverständlich sein.

 

Nein, ich bin nicht religiös. Jeder soll glauben können, was er möchte, wenn ihm das etwas gibt. Vielen Menschen verschafft ihr Glaube Trost, Halt und Hoffnung. Das verstehe ich und respektiere es auch – solange die anderen respektieren, dass mir kein Glaube etwas gibt. Jeder soll sich seine eigene Meinung darüber bilden und diese aussprechen dürfen, ohne dafür geächtet oder gar bedroht zu werden. Ich respektiere, dass meine Tochter an Zeus oder Feen glaubt. Und sollte ich selbst eines Tages damit anfangen, dann geht auch das in Ordnung.

 

Dieser Beitrag ist als Erstbeitrag auf Resonanzboden.com (dem Blog des Ullstein Verlages) und ebenfalls auf Huffington Post erschienen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sven Kaluza (Dienstag, 03 März 2015 14:03)

    Hallo Frau Hesse,
    ich habe gerade diesen Artikel in der Huffpost gelesen.
    Schon immer habe ich mich gefragt, wie ich meine Einstellung zu Religion auf Papier bringen könnte ohne etwas zu vergessen, mit der nötigen Objektivität und nüchternen Betrachtungsweise und mit der einen oder anderen Spitze.

    Vielen Dank, dass Sie mir das abgenommen haben. Und zwar zu 120 Prozent.
    Wirklich klasse und so wahr.
    Viele Grüße aus Esslingen

  • #2

    Siegfried Baumeister (Donnerstag, 05 März 2015 15:39)

    Sehr geehrte Frau Hesse,

    mit Interesse habe ich Ihre Ausführungen gelesen. Ich selbst gehöre zwar auch keiner Kirche mehr an und bin - so gesehen - auch nicht "religiös", allerdings durchaus glaubensbereit. Ich möchte nicht zu den Menschen gehören, die zwar auf alles Antworten haben, aber eigentlich nichts wissen. Vor allem sollte man sich nicht der Illusion hingeben, man habe durch eine subjektive Entscheidung ("ich glaube an keinen Gott") gleichzeitig objektive Fakten geschaffen ("deshalb gibt es ihn auch nicht"). Was, wenn doch?
    Natürlich sehe ich auch, was mit dem Christentum alles falsch gelaufen ist und falsch läuft. Das ist teils echt haarsträubend. Übrigens teilt sich die Christenheit nicht nur in zwei Lager - das ist eine durch das deutsche Kirchensteuersystem bedingte Besonderheit -, sondern in 'zig unterschiedliche so genannte Denominationen, die sich teils nach Kräften bekämpfen. Das ist schlecht, ja sogar katastrophal, aber menschlich. Aber was hat Gott damit zu tun? Meine Logik ist die: solange mir niemand schlüssig beweisen kann, dass es ihn nicht gibt, bleibe ich offen und bereit zu finden. Weil ich ihn nicht verpassen will, falls es ihn tatsächlich doch gibt. Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein Zitat aus meiner eigenen Sammlung zumuten: Menschen, die meinen, alles zu wissen, meinen eigentlich, dass das, was sie wissen, alles sei!

    Ich wünsche Ihnen alles Gute!

    Siegfried Baumeister