Aus dem Leben einer Teilzeitautorin

Dienstagmorgen, 9.30 Uhr. Eine Uhrzeit zu der andere Frauen bereits eine Stunde an ihrem Büroschreibtisch sitzen oder zumindest schon die erste Waschmaschine laufen, die Wohnung gesaugt und sich Gedanken ums Mittagessen gemacht haben. Als die Postbotin heute Morgen genau um 9.30 Uhr bei mir klingelt, öffne ich ihr in meinem rot-blau karierten Flanell-Schlafanzug die Tür, nehme die Post entgegen und kann den Satz „was für eine faule Sau" förmlich in ihren Augen lesen. Zumindest bilde ich mir das ein, weil ich mich für meinen Aufzug schäme. Gerne würde ich sie hereinbitten, mit ihr meinen ersten Kaffee trinken und erklären, dass ich die halbe Nacht vor dem PC gesessen und mehr oder weniger erfolgreich versucht habe, Texte zum Besten zu geben. Dass ich dann todmüde ins Bett gegangen bin, jedoch nicht schlafen konnte, weil meine Tochter die ganze Zeit gehustet, mein Mann geschnarcht und die Protagonistin meines neuen Romans mit mir gesprochen hat. Ich bin Autorin, wenn auch eine sehr Unbedeutende, hätte ich ihr gerne erklärt und Mutter und überhaupt, ich muss mich vor Ihnen doch nicht rechtfertigen!

Heute Morgen konnte ich ausnahmsweise ausschlafen, weil die Kinder krank sind und nicht in die Schule gehen und ich bin ebenfalls total erkältet. Ansonsten muss ich mich, egal wie lang die Nacht war, spätestens um sieben Uhr aus dem Bett schwingen, die Kinder wecken, Frühstück machen, Butterbrote schmieren. Dann hoffe ich, dass die Mutter von nebenan, deren Tochter mit meinen Töchtern zur Schule geht, nicht klingelt. Die ist nämlich morgens schon angezogen und hat die Haare nett geföhnt, während ich mir die Freiheit gönne im Schlafanzug rumzulaufen, bis die Kinder das Haus verlassen. Dann checke ich meine Emails, Facebook und die Verkaufszahlen und gehe unter die Dusche, ziehe mich an, räume auf, fahre ins Büro oder zum Einkaufen oder nehme meinen Platz am Computer wieder ein.
 
Ich wäre gerne Ken Follett oder ein anderer erfolgreicher Autor,  dann könnte ich den Leuten, die mich vormittags anrufen sagen. „Tut mir leid, aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss nachdenken, meine Wörter schreiben und kann jetzt nicht telefonieren. Mein nächster Bestseller muss in drei Monaten bei meinem Lektor auf dem Tisch liegen."
Oder ich könnte mir für ein paar Wochen ein Strandhaus mieten, ohne Telefon, Familie und Internetzugang.  Aber ich bin nicht Ken Follett und muss die Schreiberei nebenbei betreiben. Also gehe ich öfter einfach nicht ans Telefon, wenn ich gerade an einem Satz rumdoktre. Meistens habe ich dann ein schlechtes Gewissen oder bin zu neugierig und rufe eine halbe Stunde später doch zurück. Ich lasse mich gerne ablenken, von Facebook, den neusten Klatsch in den Medien, meinen Emails und den täglichen unbedeutenden Gedanken, die man so hat, wenn man zuhause arbeitet: „die Waschmaschine müsste jetzt durch sein", „habe ich eigentlich noch Zwiebeln im Haus?", „was koche ich heute?", „die Türen müssten unbedingt mal abgeschrubbt werden", „wie sehen denn die Kinderzimmer wieder aus?", „die Rechnung muss noch überwiesen werden", „brauchen die Kinder nicht neue Turnschuhe?"

Oft bin ich gerade in meinem Text versunken, es läuft, doch dann schaue ich auf die Uhr und merke, dass es schon fast wieder Mittag ist und ich kochen muss.  Meistens endet es damit, dass die Kinder beim Essen nörgeln. „Mama, das schmeckt heute wieder ein bisschen angebrannt und die Nudeln sind so weich."
So ist das, wenn man versucht, mehrere Dinge auf einmal zu erledigen.

Manchmal schaffe ich es nachmittags ein bisschen produktiv zu sein, wenn ich nicht gerade für meine Kinder das Taxiunternehmen spiele und sie zum Ballett, zum Turnen oder zu ihren Freundinnen fahre. Das geht aber nur  selten, mit Ohrstöpseln und tausend Zwischenstörungen. Dann beschweren sich die Kinder und mein Mann, dass ich sie anfauche, wenn sie mich ansprechen. 

Aber gegen Mitternacht ist es bei uns im Hause immer mucksmäuschenstill. Dann liegen alle schlafend im Bett, nur ich und mein Computer sind noch wach. Es kommen keine Emails mehr rein, auf Facebook ist auch nicht mehr viel los und die Online-Nachrichten habe ich bereits tagsüber abgearbeitet. Ich werfe mir die dicke, übergroße Fleecejacke meines Manns über, fülle die Wärmflasche und lege sie mir in den Rücken oder an die Füße, denn die Heizung ist ebenfalls schon schlafen gegangen. Wenn ich dann Glück habe, fängt meine Protagonistin wieder an mit mir zu reden. Sie sagt, es wäre völlig in Ordnung, wenn ich die Nächte mit ihr durchquatsche und dass die Postbotin doch denken soll, was sie will.

 

Dieser Beitrag ist auch auf Huffington Post erschienen.

 

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