Winterblues

Wenn die ersten Blätter fallen, der Herbst uns mit bunten, sonnigen Tagen verwöhnt und man sich mit den Kindern zum Waldspaziergang aufmacht,  Kastanien sammelt, zuhause Tee aufschüttet und die Herbstkinder-CD in den Player schmeißt, ja, dann ist alles noch gut. Aber dann kommen sie: die trostlosen, grausamen Tage! Die Sonne drückt den ganzen Tag die Pausetaste oder geht erst garnicht auf. Die dicke, graue Wolkenschicht drückt wie ein Presslufthammer auf mein Gemüt. Mein Kopf ist sonderbar leer. Ich komme kaum aus dem Bett. Es ist wieder soweit: Der Winterblues versucht nach mir zu schnappen. Ich erwische mich, wie ich ziel- und antrieblos durch das Haus wandere. Während meiner Reisen verharre ich, wie von einer höheren Macht gesteuert, vor dem  Kühlschrank, werfe einen lustlosen Blick hinein und greife nach irgendetwas Essbaren. Irgendetwas, was möglichst keine Verarbeitung erfordert. Gurken, Möhren, Kohlrabi, Paprika oder andere gesunde Dinge fallen somit als mögliche Option aus. Schokolade, eine Scheibe Wurst oder ein Joghurt ist da schon praktischer. Nach der Vernichtung der Kalorien tigere ich dennoch unbefriedigt weiter, um nach einiger Zeit zum Tatort zurückzukehren. Erneut öffne ich die Kühlschranktür, gönne mir ein weiteres Stück Schokolade und verfluche meine Schwäche. Statt solchen Mist in mich hinein zuschaufeln, sollte ich lieber meinen Rucksack packen und ins Fitness-Studio gehen oder  die Wäsche bügeln. Doch die eigenen Klugscheißereien lassen mich i.d.R. völlig kalt und die Pendelei wird fortgesetzt. Im Laufe der Zeit hat sich unser alter Holzboden vor dem Kühlschrank so abgenutzt, dass letztes Jahr der Schreiner ran musste, um die Holzdielen an dieser Stelle auszutauschen. Ich wäre sonst wahrscheinlich irgendwann einfach mit der Schokolade in der Hand durch den Boden gebrochen.

 

Manchmal, wie aus heiterem Himmel, kommt doch die Sonne raus. Dann stelle ich entsetzt fest, dass man kaum noch durch die Fenster schauen kann. Die Küchenschränke sind schmierig und verstaubt, die Türen bestehen nur noch aus Fingertatschern. Von jetzt auf gleich kommt Leben in meinen Körper. Ich schnappe mir den Putzeimer, stelle das Radio auf volle Lautstärke und putze, was das Zeug hält. Meine Laune hebt sich, die Finger fliegen förmlich über die Schrankoberflächen. Plötzlich, so schnell wie dieses Phänomen eingesetzt hat, ist es auch schon wieder vorbei. Eine fette Wolke setzt sich vor die natürliche Lichtquelle, der Raum verdunkelt sich. Ich lasse den Putzlampen sinken, wedele noch ein letztes Mal  über die Oberflächen und verharre wieder in Lethargie.  

 

Für ein paar Tage im Dezember entfliehe ich dem niederrheinischen Usselwinter und gönne meiner  Netzhaut echten Schnee, Berge und Sonne beim Skifahren, um anschließend den trostlosen Januar und Februar einfach tatenlos auszusitzen und mich selber zu beruhigen, dass der Spuk vorbei sein wird, sobald die ersten Krokusse ihre Nase aus der Erde stecken.

 

Dieses Jahr habe ich mir fest vorgenommen, der saisonal-bedingten Winterdepression ein Schnäppchen zu schlagen und habe mir meine eigene Winterblues-Therapie verordnet:

 

 

Step 1: Anschaffung einer Wake-up Lampe mit simulierter Sonnenaufgangsfunktion. Dieser wunderbare High-Tech Wecker startet sein Weckprogramm eine halbe Stunde vor dem gewünschten Wecktermin. Langsam und sanft, wie ein echter Sonnenaufgang, steigert er die Lichtintensivität und erreicht sein Maximum zur Weckzeit. Ich bin baff…es funktioniert! Wenn der Radiowecker oder der eingestellte Wunschweckton ertönt, bin ich meistens schon wach. Seit Einsatz dieses Gerätes bin ich tatsächlich morgens ansprechbarer und fitter.

 

Step 2: Kerzen! Viele Kerzen! Morgens, nachmittags und abends und zwar schon vor der Adventszeit!  Kerzen geben einfach Gemütlichkeit.  Mein Favorit: Airwick Farbwechsel-Duftkerze im Glas. Sobald man die Kerze anzündet, wechselt sie die Farbe. Die Kerze hält bis zu 30 Stunden, duftet angenehm und ich bin immer wieder begeistert von ihr.


Step 3: Sobald sich die Sonne blicken lässt: Raus, raus, raus! Auch an bewölkten Tagen werde ich versuchen, möglichst viele Dinge ohne Auto zu erledigen.



Step 4: Sonne in Form von Tabletten -Vitamin D3!


Step 5: Die Anschaffung einer Tageslichtlampe. Seit Jahren pilgere ich um die Dinger herum und habe mich bisher nie zum Kauf entschließen können. Doch nun bin ich stolze Besitzerin einer  Tageslichtlampe mit 10.000 Lux. Das Monster (50cm hoch) steht nun auf meinem Schreibtisch und soll meinen Winterblues ganz nebenbei therapieren. So hat mir das zumindest der schlaue Doktor im Youtube-Video erklärt.

 

 

 

Wenn dann noch an ungemütlichen, kalten Tagen das Feuer im Kamin brennt, ein schöner Schnulzfilm im Fernsehen läuft und ich den Abend mit einem Glas Weißwein ausklingen lasse, kann der Winterblues mich dieses Jahr kreuzweise! Hoffe ich zumindest!