Geburtstagsmuffel

„Mama, noch xy Mal schlafen, dann hast du endlich Geburtstag“, teilte mir meine Tochter wochenlang mit, während sie in ihrem Kalender die Tage abkreuzte und nicht verstand, warum ich nicht in Jubelschreie ausbrach. Ich war schon immer ein Geburtstagsmuffel und versuche stets, diesen Tag Anfang November möglichst unspektakulär hinter mich zu bringen. Ich kann mich auch an keine besonders geschichtsträchtige Party in der Vergangenheit erinnern. Wie soll man sich bei der Anzahl überhaupt noch an jeden einzelnen Geburtstag erinnern?

 

Wenn ich so zurückdenke, ist aus meiner Kindheit lediglich mein fünfter Geburtstag haften geblieben. Meine Geschwister hatten sich am Vorabend mit meiner Mutter in der Küche verschanzt, einen Kuchen gebacken und mit Schokoladenguss und Smarties verziert. Ich weiß, dass ich das Buch „Der Struwelpeter“ geschenkt bekam und einen hässlichen, gelb-grün-orange gestreiften Stofftieraffen mit Schlafzimmerblick, den ich mir selber ein paar Wochen vorher im Geschäft ausgesucht hatte. Mir tat das Stofftier damals leid. Ich dachte, so einen hässlichen Affen kauft bestimmt niemand und entschied ihn zu retten. Ich nannte ihn Thomas.

 

Mein Mann heißt übrigens auch Thomas und bevor jemand überhaupt den Gedanken zu Ende denkt: Nein, ich habe den nicht-gestreiften Thomas nicht aus Mitleid geheiratet!  

 

Ich erinnere mich auch an meinen 14. Geburtstag. Meine beste Freundin, die zu der Zeit schon stark wavemässig unterwegs war und nur noch the Cure, Tears for Fears oder Siouxsie and the Banshees auf den Plattenteller schmiss, schenkte mir die neue Modern Talking Single „Cheri Cheri Lady“. Das war damals ein echter Freundschaftsbeweis! Wochenlang musste ich mir anhören, was für eine Überwindung es für sie gewesen wäre, diese Single zu kaufen und „oh mein Gott, wie peinlich, wenn mich irgendjemand dabei gesehen hat!“ 

 

Besonders gut erinnere ich mich auch an dieses Geschenk: Billy Idol hatte 1987 seinen Hit mit „Sweet Sixteen“ und auch ich wurde in diesem Jahr sechzehn. Meine Freundinnen Marion und Sabine hatten mir einen Kuchen in Form einer Langspiel-Schallplatte gebacken. Und auch wenn ich damals vergaß ein Foto zu schießen, so hat sich das Bild bis heute tief in mein Gedächtnis gebrannt! In der Mitte lag ein kleiner, flacher, weiß glasierter Kuchen von ca. 10cm Durchmesser. Mit Zuckerguss hatten sie „Geli Sweet Sixteen“ darauf geschrieben. Drum herum klebten abgerollte schwarze Lakritzschnecken, die wirklich wie die Rillen einer Vinylplatte aussahen.

 

Wenn heute Billy Idol mit „Sweet Sixteen“ im Radio läuft, erzähle ich meiner Tochter gern von diesem Geschenk und ich habe mir fest vorgenommen, sie an ihrem sechzehnten Geburtstag genau mit diesem Lied zu wecken.

 

An meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag bekam ich von meinem damaligen Freund ein sechzehn Wochen altes Kätzchen. Ich hatte mir sehnlichst eine junge Katze gewünscht, nachdem ich von zuhause ausgezogen war und meine alte Katze, die nicht mehr verpflanzt werden wollte, zurücklassen musste. Mein Freund fragte damals, wie alt Katzen werden würden und ich antwortete, „fünfzehn Jahre bestimmt“. Worauf er meinte, „wenn du mal 40 bist und wir dann nicht mehr zusammen sein sollten, musst du dich wegen des Katers trotzdem immer an mich erinnern.“

Ich habe jeden Geburtstag an diesen Spruch gedacht, vierzehn Jahre lang und auch, als ich den Kater begraben musste.

 

Ich erinnere mich gerne an meinen 30. Geburtstag. Der  Blumenbote klingelte nachmittags und überbrachte mir dreißig rote Rosen und eine wunderschöne Liebeserklärung.

 

Ich erinnere mich an meinen 40. Geburtstag, den ich mit meiner Familie an der Nordsee verbrachte. Morgens weckte mich das zärtliche feuchtwarme Küsschen meiner Vierjährigen. Ich glaube, besser kann ein Geburtstag gar nicht beginnen.

 

Letztes Jahr nahm ich meinen Geburtstag zum Anlass, meine langjährigsten und liebsten Freundinnen ins Theater einzuladen und anschließend ganz unspektakulär und leise auf mein neues Lebensjahr anzustoßen. Da wir es meistens kaum schaffen, einen gemeinsamen Termin zu finden, war dieser Abend etwas Besonderes für mich.

 

Geburtstage tun also eigentlich nicht weh und es ist auch nicht immer nötig, die Champagnerkorken knallen zu lassen. Es sind die gemeinsam verbrachten Stunden mit Freunden und Familie, der lieb gemeinte Geburtstagswunsch, der selbstgestrickte Schal, das feuchte Geburtstagsküsschen, das „Happy Birthday“ auf der Blockflöte und der selbstgebackene Kuchen, der diesen Tag zu etwas Besonderem macht! Auch für Geburtstagsmuffel!

 

Danke an alle, die heute an mich gedacht haben!